Die Yamaha CL5 ist auf dem deutschen Gebrauchtmarkt nach wie vor eines der begehrtesten digitalen Mischpulte im Profi-Segment. Für einen Preis von etwa 8.000 bis 12.000 Euro (je nach Zustand und Zubehör) erhält man ein nach wie vor riderfähiges, klanglich exzellentes und robustes Arbeitspferd, dessen Hauptschwächen der langsam eingestellte Software-Support und potenziell verschlissene Touchscreens sind. Für FOH- und Monitor-Ingenieure auf nationalen Tourneen oder fest installierte Anlagen in Theatern und Kirchen ist es eine solide Investition; für Studios, die auf niedrigste Latenz und aktuellste DAW-Integration setzen, oder Nutzer, die stets das neueste Feature-Update benötigen, ist der Gebrauchtkauf weniger empfehlenswert.
Technische Daten & Ausstattung im Gebraucht-Check

Beim Kauf einer gebrauchten CL5 sind nicht alle Spezifikationen gleich relevant. Entscheidend ist der Zustand der kritischen Komponenten. Die ursprüngliche UVP lag bei über 30.000 Euro für ein vollständiges System.
Kernfeatures im Überblick:
- Eingänge/Ausgänge: 72 Input-Kanäle, 34 Mix-Busse (inkl. 8 Matrix), 24 FX-Slots. Analoge I/O über optionale Karten (z.B. 16x Analog-I/O). Der Fokus liegt auf digitalen Schnittstellen: 64 Kanäle Dante (Primary/Secondary), 8x AES/EBU, optional MADI oder weitere Dante-Ports. Für DACH-Rider entscheidend: Die volle AES/EBU- und Dante-Kompatibilität ist Standard.
- DSP & Steuerung: Rupert-Neve-Designs-Portico™-Emulation für Preamps und Buss-Kompression, 96 kHz Samplingrate. 25 Motorfader, 2x 10,1″ Touchscreens, iPad-Steuerung via `StageMix` App.
- Kritische Punkte beim Gebrauchtkauf:
* Touchscreen-Digitizer: Die resistive Touchschicht der ersten Generationen kann ausleiern oder „springen“. Ein genauer Test mit dem Kalibrierungsmenü ist Pflicht.
* Potentiometer (Encode-Ringe): Die Drehregler für Parameter können nach Jahren intensiver Nutzung Rastgeräusche entwickeln oder unpräzise werden.
* Lüfter: Die internen Lüfter können mit der Zeit lauter werden. Bei stillstehenden Pulten aus Kirchen- oder Corporate-Installationen ist dies seltener ein Problem.
* Netzteil: Die integrierten Netzteile sind sehr robust, aber ein Check auf ungewöhnliche Brummgeräusche ist Teil der Due Diligence.
Praxiserfahrung: Der Alltagstest auf Tour und im Haus
In der täglichen Praxis auf einer 40-Dates-Tour durch deutsche Clubs oder als FOH-Pult in einem österreichischen Stadttheater beweist die CL5 weiterhin ihre Stärken. Die Bedienlogik ist intuitiv, besonders für Nutzer, die von Yamahas PM5D oder M7CL kommen. Der Workflow mit den `Selected Channel`-Knöpfen und den direkten `Channel Strip`-Tasten ist schnell und auch unter Stress beherrschbar.
Die Software (aktuell letzte Version v7.1) ist extrem stabil. Crashes sind in über 8 Jahren Praxis ein absolutes Fremdwort. Die mobile Steuerung via `StageMix` auf dem iPad funktioniert zuverlässig, ist aber in ihrer Funktionspalette im Vergleich zu aktuellen Lösungen von Allen & Heath oder DiGiCo limitiert. Die Rüstzeit für eine Show ist dank des klaren Layer-Konzepts und der schnellen Routing-Einstellungen auch für neue Einsteiger überschaubar.
Praxistest: Bei einem Open-Air-Festival im deutschen Sommer (Regen, Staub, schnelle Wechsel) zeigt sich die wahre Stärke: Das Gehäuse ist ein Panzer. Die CL5 startet zuverlässig, die Preamps liefern auch nach 12 Stunden Betrieb konstanten Klang. Der schnelle Zugriff auf die 8 DCAs und die Matrizen macht die Anpassung an wechselnde akustische Bedingungen (z.B. aufziehender Wind) einfach.
Performance-Analyse nach Einsatzgebiet
Live / FOH & Monitor
Für den Live-Einsatz ist die CL5 nach wie vor eine erste Wahl. Die Kopfhörerausgänge bieten genug Leistung für anspruchsvolle In-Ear-Monitor-Cues. Die Klangqualität der Preamps und der Portico™-Emulationen (besonders der Buss-Kompressor) hält auch im direkten Vergleich mit neueren Pulten stand. Die Stabilität bei langen Shows ist legendär. Für Monitor-Anwendungen ist das 25-Fader-Layout mit den vielen Bussen ideal, auch wenn dedizierte Monitor-Pulte wie die Yamaha PM10 oder DiGiCo SD-Racks hier spezialisierter sind.
Studio-Integration
Im Studio zeigt sich das Alter: Die CL5 bietet zwar HUI-Protokoll für DAW-Steuerung, aber die Integration mit modernen Pro Tools-Systemen ist nicht mehr state-of-the-art. Die A/D-Wandler sind nach wie vor sehr gut, aber die Gesamtlatenz des Systems (besonders bei Nutzung der internen Effekte) ist für kritische Aufnahmesituationen mit Software-Monitoring höher als bei aktuellen Lösungen. Als Summenpult oder für Live-to-Disc-Aufnahmen von Konzerten ist sie jedoch nach wie vor hervorragend geeignet.
Broadcast & Corporate
Hier glänzt die CL5 mit ihrer Flexibilität. Die 8 Matrix-Ausgänge sind ideal für komplexe Sprach- und Signalverteilungen in Konferenzzentren oder für Broadcast-Sendungen. Das integrierte Dugan Automix (optionales Card) ist ein großer Pluspunkt für Talk-Shows oder Panel-Diskussionen und auf vielen deutschsprachigen Tech-Ridern (z.B. für ARD/ZDF-Produktionen) immer noch eine geforderte oder gern gesehene Option. Die Talkback-Systeme sind umfangreich und professionell umsetzbar.
Stärken & Schwächen im Gebrauchtmarkt-Kontext
Stärken:
- Rider-Tauglichkeit: Die CL5 steht nach wie vor auf vielen Tech-Ridern deutscher und internationaler Tourneebands. Sie ist eine akzeptierte und bekannte Größe.
- Robustheit & Zuverlässigkeit: Das Gehäuse und die interne Verarbeitung sind für den Tour-Alltag gebaut. Ausfälle sind äußerst selten.
- Klangqualität: Der „Yamaha-Sound“ ist neutral, transparent und rider-sicher. Die Portico™-Emulationen geben musikalische Farbwerkzeuge an die Hand.
- Große Community & Support: Es gibt unzählige Tutorials, Foren und erfahrene Nutzer im DACH-Raum. Ersatzteile (Potis, Lüfter) sind über offizielle Service-Partner in Deutschland (z.B. bei Yamaha Music Europe in Hamburg) oft noch verfügbar.
Schwächen:
- Eingestellter Software-Support: Yamaha hat den offiziellen Feature-Support für die CL-Serie eingestellt. Es gibt keine neuen Funktionen mehr, nur noch kritische Stabilitäts-Updates.
- Touchscreen-Problematik: Der Verschleiß der Touchscreens ist der häufigste Grund für eine teure Reparatur (Kosten: 800-1.500 € je nach Service-Partner).
- „Altes“ Netzwerk: Dante ist nach wie vor Standard, aber die CL5 unterstützt nicht die neuesten Dante-Features wie AES67 oder Dante Domain Manager. Die Bandbreite ist auf 96 kHz begrenzt.
- Gewicht: Mit über 30 kg ist sie kein Leichtgewicht – ein Faktor für freie Ingenieure ohne eigenes Tour-Team.
Technische Checkliste für den Gebrauchtkauf:
- I/O & Preamps: Alle Eingänge und Ausgänge (analog/digital) durchpatchen und auf Rauschen prüfen.
- DSP & Latenz: Einen komplexen Showfile laden und sicherstellen, dass alle FX-Prozessoren und DCAs fehlerfrei recallen.
- Audionetzwerk: Dante-Controller-Verbindung testen, Primary/Secondary-Switchover prüfen.
- PSU & Gewicht: Netzteil auf Brummen checken. 31,5 kg Gewicht für Transport einplanen.
- Recall: Mehrere komplexe Scene-Snapshots speichern, Pult neu starten und Recall testen.
Zielgruppe: Für wen lohnt der Gebrauchtkauf?
Ideal geeignet für:
1. Aufsteigende FOH-/Monitor-Ingenieure, die ein absolut riderfähiges, professionelles Pult für nationale Tourneen oder Festival-Slots benötigen, ohne das Budget für eine neue DiGiCo SD9 oder Yamaha Rivage PM7 zu haben.
2. Mittelständische Veranstaltungshäuser, Theater oder Kirchen, die ein robustes, netzwerkfähiges (Dante) und klanglich hochwertiges Pult für die feste Installation suchen und auf den neuesten Software-Schnickschnack verzichten können.
3. Broadcast- oder Corporate-Ausstatter, die ein bewährtes, flexibles Pult mit Dugan Automix und stabiler Matrix-Steuerung für regelmäßige, aber nicht tägliche Produktionen benötigen.
Weniger geeignet für:
- Absolute Einsteiger: Die Komplexität und das Investitionsvolumen sind zu hoch. Ein gebrauchtes Allen & Heath SQ oder Yamaha TF wäre die bessere Wahl.
- High-End-Studios, die auf niedrigste Latenz, 192 kHz und tiefe DAW-Integration (z.B. EUCON) angewiesen sind.
- Nutzer, die immer die neuesten Features brauchen (z.B. integrierte WAV-Player, erweiterte RTA-Tools, modernste iPad-Apps).
Häufige Fehler beim Gebrauchtkauf:
- Gain-Staging nicht geprüft: Die digitalen Preamps der CL5 können bei falscher Einstellung (z.B. zu hoher Input Gain) rauschen. Immer einen lauten, dynamischen Source (z.B. Snare) anschließen.
- Wordclock ignoriert: Bei Integration in bestehende MADI- oder Dante-Netze muss die CL5 korrekt als Master oder Slave geschaltet werden, um Klicks zu vermeiden.
- Recall nicht getestet: Alte, korrupte Showfiles können zu Systemabstürzen führen. Immer mit einem frischen, leeren Showfile starten und die grundlegende Recall-Funktion prüfen.
- Zustand der Touchscreen-Folie unterschätzt: Kleine „Sprünge“ im Cursor werden im stressigen Soundcheck zur Katastrophe. Gründlich testen!
Beim Gebrauchtkauf der Yamaha CL5 gibt unser großer Kaufratgeber wichtige Hinweise zur Einordnung. Den Neugeräte-Test finden Sie im Yamaha CL5 Test. Als günstigere Alternativen: Allen & Heath SQ-5 Test und Midas M32 Test. Als neuere Alternative: Yamaha DM7 Test.
FAQ – Häufige Fragen zum gebrauchten Yamaha CL5
Was muss ich beim Kauf unbedingt prüfen?
Testen Sie minutiös die Kalibrierung und Reaktion beider Touchscreens über die gesamte Fläche. Drehen Sie alle Encoder-Ringe mehrmals auf allen Layern und hören Sie auf Rastgeräusche. Patchen Sie nach Möglichkeit jeden physischen Eingang und Ausgang mit einem Signal an und prüfen Sie auf Rauschen oder Ausfälle. Checken Sie die installierte Software-Version.
Gibt es noch Software-Updates und Service-Support?
Yamaha stellt keine neuen Feature-Updates mehr für die CL-Serie bereit. Kritische Stabilitäts-Updates sind möglich, aber nicht garantiert. Service und Reparatur werden über autorisierte Service-Center im DACH-Raum (z.B. bei Yamaha Music Europe) angeboten, die Ersatzteilversorgung für gängige Verschleißteile ist derzeit noch gut.
Ist die CL5 noch auf aktuellen Tech-Ridern zu finden?
Ja, die Yamaha CL5 ist nach wie vor auf vielen Ridern nationaler und internationaler Acts zu finden, insbesondere im Pop-, Rock- und Musical-Bereich. Sie gilt als bewährtes und sicheres Pult. Für Top-Level International-Tours wird jedoch zunehmend die neuere Rivage PM-Serie oder DiGiCo SD/Quantum gefordert.
Welche typischen Reparaturen fallen an und was kosten sie?
Die häufigste teure Reparatur ist der Austausch eines oder beider Touchscreen-Digitizer (ca. 800-1.500€). Der Tausch verschlissener Encoder-Potis kostet etwa 50-150€ pro Stück plus Arbeitszeit. Ein defektes Netzteil ist selten, der Austausch kostet mehrere hundert Euro.
Kann ich sie problemlos in mein Dante-/MADI-Netzwerk integrieren?
Dante-Integration ist nahtlos möglich, jedoch mit der CL5 als Endpunkt (kein Dante Domain Manager). Für MADI benötigen Sie die optionale MY16-AUD2 oder MY16-MADI2 Karte. Achten Sie auf Kompatibilität mit Ihrem vorhandenen Wordclock-Master und planen Sie die benötigten Kanalzahlen (CL5-intern: max. 64 Kanäle Dante bei 96kHz).
Expertenmeinung: Die gebrauchte Yamaha CL5 ist das Arbeitspferd unter den riderfähigen Digitalpulten. Sie bietet für einen Bruchteil des Neupreises professionelle Klangqualität, absolute Zuverlässigkeit und breite Akzeptanz. Der Kauf lohnt sich für Praktiker, die ein robustes Werkzeug für den täglichen Einsatz suchen und bereit sind, potenzielle Altersschwächen (Touchscreen) bei der Preisverhandlung zu berücksichtigen. Für sie ist sie nach wie vor eine der klügsten Investitionen im Gebrauchtmarkt-Segment.
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Quellen — für diesen Artikel herangezogene Herstellerdokumentation: Yamaha Pro Audio.
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