Ein Mischpult mit integriertem Multitrack-Recording konsolidiert zwei kritische Workflows in einem Gerät: die Live-Abmischung und die Aufnahme aller Einzelspuren für Archivierung, Nachbearbeitung oder Broadcast. Für den Profi im DACH-Raum löst dies zentrale Probleme wie Zeitdruck beim Soundcheck, die Notwendigkeit zur Nachproduktion von Live-Mitschnitten und die steigenden Anforderungen an Livestreaming-Qualität. Die besten Lösungen reichen von kompakten All-in-One-Netzwerkpulten bis hin zu hochredundanten Broadcast-Systemen mit Sample-genauer Synchronisation.
Einleitung: Der Praxisbedarf für Multitrack-Recording

Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie man Multitrack-Recording in seinen Workflow integriert. Ein separates Aufnahmesystem mit Stagebox, Splittern und externen Recordern ist teuer, fehleranfällig und frisst wertvolle Zeit. Ein Mischpult mit Multitrack-Recording beseitigt diese Hürden. Stellen Sie sich vor: Nach einem Open-Air mit durchwachsenem Klangbild kann der Künstler im Studio Vocal-Overdubs auf den Live-Track aufnehmen. Oder der Broadcast-Ingenieur liefert einen 64-Kanal-Mitschnitt einer Sportveranstaltung, der direkt in der Postproduktion des Senders geschnitten und gemischt werden kann. Das ist der reale Nutzen – es geht um Effizienz, Qualitätssicherung und neue kreative Möglichkeiten direkt aus der FOH-Position oder dem Regieraum heraus.
Spezifische Anforderungen an ein Multitrack-Recording-Pult
Nicht jedes Pult mit USB-Audio-Interface-Funktion ist ein professionelles Multitrack-Recording-System. Achten Sie auf diese technischen Spezifikationen:
- Simultane Spuranzahl: Die Zahl der gleichzeitig aufnehmbaren Kanäle ist entscheidend. 32 Kanäle sind heute oft Minimum, 64+ sind für größere Produktionen oder Rider-Anforderungen Standard. Entscheidend ist, ob alle Inputs, einschließlich Subgroups, Auxes und Matrix, aufgezeichnet werden können.
- I/O und Preamps: Ausreichend qualitativ hochwertige Mikrofon-Preamps sind die Basis. Zusätzliche Line- oder AES/EBU-Eingänge für Playback-Systeme oder externe Effekte sind wichtig.
- Aufnahmemedium und Format: Ist ein interner Recorder (SSD/SD-Karte) verbaut oder wird ein externer Computer/Recorder via Audionetzwerk benötigt? Das Dateiformat sollte mindestens Broadcast-WAV (BWF) mit eingebettetem Timecode unterstützen, idealerweise in 48 kHz/24-bit als De-facto-Standard für Film, TV und Live.
Praxistest: Auf einer 40-Dates-Tour ist Zuverlässigkeit alles. Ein Pult mit internem, redundanten SSD-Recorder, das mit einem Knopfdruck die Aufnahme startet, ist einem Setup mit externem Laptop und Dante Virtual Soundcard vorzuziehen – weniger Fehlerquellen, kein abstürzender Computer.
Technische Kriterien für die Auswahl
Aufnahme-Architektur: Direkt, Netzwerk oder Hybrid?
Die Methode bestimmt den Workflow. Direktes Tracking auf interne SSD oder USB-Stick (z.B. bei A&H Avantis) ist robust und schnell. Netzwerk-Recording via Dante, MADI oder AVB streamt die Kanäle zu einem DAW-PC oder dedizierten Hardware-Recorder (z.B. JoeCo, RME Digiface) und bietet maximale Flexibilität und Redundanz. Hybride Systeme bieten beides.
Kanalkapazität & Routing-Flexibilität
Können Sie nicht nur die 40 Mikrofon-Eingänge, sondern auch Ihre 8 Subgroups, 12 Monitor-Sends und die Stereo-Matrix getrennt aufzeichnen? Diese Flexibilität ist goldwert, um im Studio den Monitor-Mix oder Effekt-Returns nachträglich anzupassen, ohne den FOH-Mix zu zerstören.
Wordclock & Synchronisation
Für Studio- und Broadcast-Einsatz ist eine stabile, extern synchronisierbare Wordclock essentiell. Das Pult sollte als Master oder Slave zu Ihrem Gesamtsystem (z.B. Video-Switcher, andere Recorder) laufen können, um Sample-genaue, driftfreie Aufnahmen über Stunden zu gewährleisten.
Ergonomie & Geschwindigkeit im Live-Betrieb
Das UI muss einen „Record“-Button auf der Hauptfläche oder ein klar benanntes Soft-Button bieten. Im schlimmsten Fall muss man durch drei Menüs klicken, während der Artist schon das Intro spielt. One-Touch-Recording ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit.
Postproduktions-Workflow
Wie einfach transferieren die Aufnahmen in Ihre DAW? Ideal ist der Export einer kompletten Session-Datei (z.B. AAF, Track Archive), die in Pro Tools, Cubase oder Logic Pro alle Spuren korrekt benannt und zeitlich ausgerichtet öffnet. Die Kompatibilität mit gängigen Plugin-Formaten (VST3, AAX) für den Mix-Recall ist ein weiterer Pluspunkt.
Häufige Fehler: Das Gain-Staging wird vernachlässigt. Der Pegel, der aufgenommen wird, ist entscheidend! Record-PFL zu nutzen, um den Aufnahmepegel jedes Kanals zu prüfen, ist Pflicht. Ebenso: Den Recall der Pult-Settings zusammen mit den Audiofiles vor der kritischen Show nicht getestet zu haben.
Empfohlene Produkte für verschiedene Praxis-Szenarien

1. High-End Live/Studio & Broadcast: Allen & Heath dLive mit DX-Recorder
* Einsatz: Große Tourneen, Festivals, professionelle Musik- und Broadcast-Studios.
* Argumente: Der optionale DX-Recorder nimmt bis zu 128 Kanäle direkt auf interne SSDs auf – redundant möglich. Volle Integration in den dLive-Workflow, Aufnahmen können als „Director Session“ exportiert werden. Kombiniert mit der robusten MixRack-Architektur und optionalen Dante-/MADI-Karten das Referenzsystem für riderfähige Aufnahmen.
2. Mid-Range Allrounder für Live & Installation: Yamaha TF-Serie mit USB-Multitrack
* Einsatz: Mittelgroße Live-Events, Houses of Worship, Corporate AV, Projektstudios.
* Argumente: Bietet über einen einzigen USB-Port am Pult bis zu 38 Kanäle simultaner Aufnahme und Wiedergabe direkt in eine DAW. Der „Plug-and-Play“-Ansatz ist unschlagbar simpel. Die integrierten Effekte und das klare Touch-Interface machen es zu einer schnellen und zuverlässigen Lösung, wo kein separates Stagebox-System nötig ist.
3. Digital Compact für Mobile Aufnahme & Streaming: Behringer X32 Rack / Midas MR18
* Einsatz: Mobile Podcast-Produktion, kleine Band-Auftritte, Livestreaming-Setups, preisbewusster Einstieg.
* Argumente: Extrem portabel und kostengünstig. Über USB streamen beide Modelle 32/18 Inputs und 16/18 Returns zum Computer. In Kombination mit einem iPad für die Steuerung und einem Laptop mit DAW (z.B. Reaper, Studio One) hat man ein komplettes, leistungsfähiges Mobiliar. Die große Verbreitung sorgt für gute Community-Unterstützung.
4. Broadcast & High-End Production: SSL System T mit Tempest Control-Recorder
* Einsatz: TV-Produktionen (Sports, Talkshows), Radio, große Streaming-Events, Produktionshäuser.
* Argumente: Reines IP-basiertes Audio-Netzwerk (Dante/AES67). Der integrierte Tempest Recorder/Player ermöglicht 256+ Kanäle Aufnahme und Wiedergabe mit Sample-genauer Synchronisation direkt auf der Oberfläche. Das ist der Goldstandard für Umgebungen, wo Audio perfekt mit Video synchron laufen muss und maximale Flexibilität im Routing gefordert ist.
Vergleichstabelle der empfohlenen Modelle
| Modell & Hersteller | Max. simultane Recording-Kanäle | Aufnahme-Schnittstelle | Preisklasse (ca.) | Primärer Einsatzzweck | Besonderheit für den DACH-Profi |
| :— | :— | :— | :— | :— | :— |
| Allen & Heath dLive + DX | Bis zu 128 | Interner SSD-Recorder (DX), optional Dante/MADI | 30.000 – 100.000€+ | High-End Live, Touring, Broadcast | Sehr starke Verbreitung bei professionellen Veranstaltungstechnikern und auf großen Riders. |
| Yamaha TF-Serie | Bis zu 38 | USB 2.0 (Class-Compliant) | 3.000 – 6.000€ | Mid-Range Live, Installation, Projektstudio | Ubiquitär verfügbar (Thomann, Music Store), intuitive Bedienung, solider Yamaha-Support. |
| Behringer X32 Rack | 32 In / 16 Out | USB 2.0 (Class-Compliant) | Unter 1.500€ | Mobile Aufnahme, Einsteiger, Livestream | Das „Arbeitspferd“ für den kostensensitiven Bereich, enorme Community, unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis. |
| SSL System T + Tempest | 256+ (netzwerkabhängig) | Integrierter Recorder (IP-Audio), Dante/AES67 | 100.000€+ | Broadcast, High-End TV/Radio, Major Production | Absoluter Top-Standard in deutschen TV-Sendern (ARD, ZDF) und großen Produktionsfirmen. |
Technische Checkliste: Bevor Sie sich entscheiden, klären Sie: Brauchen Sie die I/O-Kapazität inklusive aller Buses? Reicht die DSP-Power für Ihre geplanten Plugins auch während der Aufnahme? Wie ist die Latenz beim Monitoring über das Pult während des Recordings? Gibt es eine PSU-Redundanz für kritische Einsätze? Und nicht zuletzt: Ist das Gewicht und Format für Ihre typischen Gigs (Tourbus, Fluggepäck) geeignet?
Unsere Auswahl nach Budget
- Einsteiger / Budget-Bewusst: Die Wahl fällt klar auf das Behringer X32 Rack oder Midas MR18. Sie bieten den kompletten Einstieg in 32-Bit-Multitrack-Recording zu einem minimalen Investment. Perfekt für Bands, die ihre Gigs aufnehmen wollen, oder Podcaster, die in professionelle Qualität einsteigen.
- Mittelklasse / Professioneller Allrounder: Die Yamaha TF-Serie oder vergleichbare Pults wie der Allen & Heath SQ-5 (mit Dante-Karte) bieten den Sweet-Spot. Sie sind riderfähig für viele mittlere Veranstaltungen, haben eine robuste Bauweise und eine Aufnahme-Architektur, die im täglichen Profi-Einsatz funktioniert, ohne das Budget zu sprengen.
- High-End / Kein Kompromiss: Hier geht der Weg zum Allen & Heath dLive-System oder, im Broadcast-Bereich, zum SSL System T. Diese Investition ist gerechtfertigt, wenn Ihre Kunden explizite Rider-Anforderungen (MADI, 64+ Tracks, Redundanz) stellen, Sie für große Festivals oder TV-Sender arbeiten und absolute Zuverlässigkeit und Workflow-Integration benötigen.
Profi-Fazit: Für den mobilen Tontechniker, der regelmäßig Live-Mitschnitte für Kunden anfertigt, ist ein Mid-Range-Pult mit zuverlässigem internem oder einfachem DAW-Recording (wie die TF oder SQ) die effizienteste Lösung. Für das reine Studio, das Overdubs auf Live-Tracks machen will, kann ein High-End-System Overkill sein – hier reicht oft ein digitales Pult mit gutem Routing und stabiler DAW-Schnittstelle. Der Broadcast-Ingenieur kommt an den IP-basierten, hochredundanten Systemen wie von SSL oder Lawo nicht vorbei.
Für Multitrack-Aufnahmen empfehlen wir den Kaufratgeber und den Studio-Mischpult-Guide als Einstieg. Gut geeignete Modelle im Test: Soundcraft Ui24R Test, Yamaha TF-Rack Test und Soundcraft Signature 22 MTK Test. Für größere Setups: Yamaha CL5 Test und Allen & Heath Avantis Test.
Häufig gestellte Fragen
Kann ich mit einem Dante-fähigen Pult direkt in Pro Tools aufnehmen?
Ja, aber nicht ohne zusätzliche Software. Sie benötigen die „Dante Virtual Soundcard“ (DVS) auf Ihrem Pro Tools-Rechner, um die Dante-Audio-Streams des Pults als Interface in Pro Tools einzubinden. Für professionellere, latenzärmere Setups wird ein dediziertes Dante-Interface (z.B. von Focusrite, Audinate) oder ein Hardware-Recorder mit Dante empfohlen.
Welches Dateiformat ist für Broadcast-Abgaben in Deutschland erforderlich?
Die öffentlich-rechtlichen Sender (ARD, ZDF) fordern in der Regel Broadcast Wave Files (BWF) im Format 48 kHz Sampling Rate, 24-bit Tiefe, mit eingebettetem Timecode (oft LTC im AES3- oder Broadcast-WAV-Header). Einzelne Sender haben spezifische Delivery-Sheets, die zu prüfen sind.
Wie realisiere ich redundantes Multitrack-Recording für eine kritische Live-Show?
Die sicherste Methode ist eine Zwei-Pfad-Lösung: 1) Direkte Aufnahme auf den internen Recorder des Mischpults (z.B. SSD). 2) Gleichzeitiges Streamen aller Kanäle via einer separaten, redundanten MADI- oder Dante-Leitung zu einem zweiten, unabhängigen Hardware-Recorder (z.B. JoeCo, A&H DX) oder einem zweiten Computer an einem anderen Ort.
Mein Rider verlangt 64 Kanäle Multitrack via MADI. Welche Pults erfüllen das?
Gängige riderfähige Modelle, die 64+ Kanäle via MADI ausgeben können, sind das Yamaha CL/QL-Serie (mit MY16-AUD2-Karte), Allen & Heath dLive (mit DM-MADI-Karte), Digico SD-Serie (mit optionaler MADI-Karte) und Midas HD96 (MADI standardmäßig). Die genaue Kanalzahl hängt vom Routing ab.
Kann ich die aufgenommenen Spuren später mit den gespeicherten Pult-Settings wieder laden?
Das hängt vom Pult und Ihrer Methode ab. Bei den meisten modernen Digitalpulten können Sie eine Scene (Snapshot) speichern, die alle Einstellungen (Gain, EQ, Dynamik, Faderposition) enthält. Laden Sie diese Scene und spielen die Multitrack-Aufnahmen zurück in die entsprechenden Eingänge des Pults, haben Sie den originalen Mix-Zustand wiederhergestellt und können ihn neu abmischen. Dies setzt voraus, dass das Routing identisch bleibt.
Expertenmeinung: Ein Mischpult mit integriertem Multitrack-Recording ist heute kein Nischenfeature mehr, sondern ein fundamentaler Bestandteil eines professionellen Workflows. Die Wahl des richtigen Systems hängt weniger von der bloßen Kanalzahl ab, sondern vielmehr davon, wie nahtlos und zuverlässig der Aufnahme- und Postproduktionsprozess in Ihre spezifische Arbeitsumgebung – ob im Tourbus, im Studio oder im Sendezentrum – integriert werden kann. Investitionen in diese Integration zahlen sich in Zeitersparnis und höherer Ergebnisqualität vielfach aus.
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